Sein Herz bleibt in Russland

Ich habe einen ganzen Berg von Büchern in der Hand, jedoch keine Zeit mehr, eines auszuwählen. Die Lautsprecherdurchsage in dem großen Kulturkaufhaus warnt, dass der Laden in wenigen Minuten schließt. „Ist es wirklich schon so spät?“, fragt ein Mann hinter mir. Mein kurzes leises „Ja“ lässt ihn begeistert von seinem CD-Stapel aufblicken.

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Letzter Tanz im Schwimmbad

Mal stecke ich die Hände in die Hosentaschen, was beim Tanzen immer etwas verklemmt daherkommt, oder ich reibe sie heftig aneinander, was wiederum extrem nach indischem Ausdruckstanz aussieht. Handschuhe, Wollmütze und Kapuzenpulli wären jetzt nicht schlecht bei dieser Open-Air-Party in der Tentstation in Moabit, einem der letzten abenteuerlichen Orte der Innenstadt. Wo Tanzmusik nachts keinen stört.

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Nachhilfe um Mitternacht

Es heißt, Wahnsinn sei erblich. Das stimmt: Eltern bekommen ihn von ihren Kindern.

Als mein Sohn im echten, und ich meine: im echten, Teenager-Alter war, fing er natürlich auch an, nicht mehr meinen Ratschlägen zu folgen, sondern seine eigene Logik zu entwickeln. Zum Beispiel diese: „Ich weiß nicht, warum ich gerade Mathe vernachlässige. Es gibt so viele Fächer, die zu vernachlässigen wären. Aber ausgerechnet Mathe macht mich immer lethargisch.“
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Wo Ringelgänse rauschen

Das letzte Wochenende rang mir schwierige Entscheidungen ab. Wohin nur sollte mich das zierliche Trappeln meiner Pumps (dazu die liebe Familie: Dich hört man übern ganzen Hinterhof!) lenken? Ich hatte zwei Einladungen erhalten, bei der einen Offerte handelte es sich um die „15. Ringelganstage in der Biosphäre Halligen“ – zu denen ich als Patin von Gans Nr. RDNN gebeten war. Ich wählte dann aber Kreuzberg statt Ockenswarft. Weiterlesen

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Kein Bus nach nirgendwo

Ich sitze an einer Bushaltestelle in Neukölln. Es ist vier Uhr morgens. Neben mir sitzt ein Obdachloser in einem Berg von Tüten, aus denen seine Habseligkeiten quellen. Die Neonbeleuchtung der Haltestelle spiegelt sich in den Gläsern seiner zu kleinen Brille.

Er sieht zu mir herüber, ich sehe weg. „Jungchen“, sagt er mit einer Stimme, die klingt, als ob er lange mit niemandem mehr gesprochen hat. „Jungchen“, wiederholt er ein wenig lauter. Ich sehe ihn an, innerlich schon in Abwehrhaltung. „Hier brauchste nicht zu sitzen, hier fährt jetzt kein Bus mehr nach nirgendwo“ sagt er und lacht ein rostiges Lachen. Ich lache auch, mehr aus Verlegenheit und bleibe sitzen, zu faul, direkt aufzustehen und einen Taxistand zu suchen.

Ich zünde mir eine Zigarette an und gebe dem Obdachlosen auch eine, darauf bedacht, dass sich unsere Hände nicht berühren und schäme mich dafür. „Danke“, krächzt er. „Worauf warten Sie hier“, frage ich und weiß im selben Moment, dass das eine dumme Frage ist. „Jungchen, ich warte auf gar nichts mehr. Für mich hält hier kein Bus und auch sonst nirgends“, antwortet und sieht dabei nicht einmal traurig aus.

Marcus Weingärtner verbringt die Nacht wartend.

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Eine runde Sache

Gerade wurde mein Töchterchen zwanzig, und wir erinnerten uns an den Tag der Geburt: Ich war damals so stolz auf meinen Bauch, wir hatten viel Spaß bei der Entbindung, wir waren glücklich. Moment: Ich war stolz auf meinen Bauch?
Ich stutze. Hochschwanger wog ich einst (brutto) weniger, als heute (netto!). Ja, ich hab’ zugenommen. Aber nein, ich kann nichts dafür. Der Kühlschrank ist schuld.
Denn: Schlafmangel macht dick! Mediziner und Wissenschaftler warnen Schlafgestörte vor Diabetes, Immunschwächen, Depressionen, Herzinfarkten und: vor Gewichtszunahme. Ist alles schon erforscht, sogar interdisziplinär. Dazu gibt es zig Langzeitstudien und noch mehr Bücher.

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Nele und der offene Blick

Meine Freundin Nele ist enttäuscht. Sie ist nach Berlin gekommen, um sich nicht länger alt zu fühlen. Wenn sie in ihrer Heimatstadt ausging, kam sie sich in letzter Zeit vor wie die Pausenaufsicht: Nur Abiturienten und Erstsemester. In Berlin sei das ganz anders, hat sie bei ihren Besuchen geschwärmt. Sie stand um zwei Uhr morgens im „Monarch Club“ am Kotti und ihre Augen leuchteten. „Hier sind ja alle über 25!“ Kurzerhand ist sie von Bonn nach Kreuzberg gezogen. Weiterlesen

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